Erfolgreich als Frau in einer Männerdomäne

Passend zum internationalen Frauentag am 08.03.2020 haben wir uns diese Woche dem Thema starke Frauen in einem Männerberuf angenommen. Frau Röder war so freundlich sich die Zeit zu nehmen, dem Team von AzubiScout einige Fragen zu beantworten. 

Esther Röder ist 32 Jahre alt, Kraftfahrzeugtechnikermeisterin und arbeitet als Serviceberaterin für die Firma Auto-Nauheim in Eschborn. Zuvor war sie in der Werkstatt tätig im Bereich Wartung und Instandsetzung von Kraftfahrzeugen mit dem Schwerpunkt Diagnose der elektrischen Fahrzeugsysteme.

Sie wünscht sich von Herzen, dass es im Handwerk wieder mehr Nachwuchs gibt. Sie beschreibt das Handwerk als vielseitig und möchte, dass ein Umdenken stattfindet. Vor allem bei den Eltern, die Ihren Kindern oft von einem handwerklichen Beruf abraten. 

In ihrer Freizeit ist sie sehr kreativ, sie zeichnet und malt gerne, besucht Konzerte und lernt Gitarre. Natürlich wird aber auch geschraubt. Zurzeit wird einem VW T3 Camper neues Leben ein gehaucht, der sie dann hoffentlich viele Kilometer begleitet.

Frage (F): Frau Röder, welche Ausbildung haben Sie absolviert? 

Antwort (A): Ich bin gelernte Kraftfahrzeugmechatronikerin. 

F: Warum haben Sie sich gerade für diesen Beruf entschieden? 

A: Für diesen Beruf habe ich mich entschieden, weil ich schon immer neugierig war, wie sämtliche Dinge funktionieren. Als Kind habe ich alles auseinander genommen was nicht niet- und nagelfest war. Egal ob mit 10 Jahren den Reisebus auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel oder später das Mofa, ich wollte einfach immer wissen wie alles funktioniert und wie es zusammengebaut ist. Ein Bauteil zu sehen und nicht zu wissen was es für eine Aufgabe hat und wie es arbeitet hat mir keine Ruhe gelassen. 

F: Ihr Interesse hat sich demnach bereits früh gezeigt. Was wollten Sie denn werden als Sie ein Kind waren? Und warum? 

A: Als kleines Kind wollte ich Floristin werden. Mein Vater wohnte neben einem Blumenladen und ich durfte oft helfen Blumensträuße zu binden. Es hat mich fasziniert wie viele Farben es bei Blumen gibt und ich mochte einfach wie sich die Menschen über Blumen freuen. Die Lust am Schrauben kam dann jedoch ziemlich schnell und als Teenager gab es für mich keine andere Überlegung, ich wusste einfach was ich werden will. 

F: Was hätten Sie sich von Ihrem Ausbilder damals gewünscht? Was hätte anders oder besser laufen können? 

A: Von meinem Ausbilder im speziellen hätte ich mir nichts anderes gewünscht, es war einfach nur schwierig einen Ausbildungsplatz zu finden als Mädchen. Ich denke hier sollten die Betriebe etwas offener werden. 

F: Was fanden Sie besonders gut während Ihrer Ausbildung? 

A: Besonders gut hat mir vor allem der Umgang in meinem Ausbildungsbetrieb gefallen. Es gab keine Fragen ob ich etwas kann oder nicht kann, weil ich ein Mädchen bin. Ich hatte wahrscheinlich auch den großen Vorteil, dass vor mir dort bereits eine Frau in der Werkstatt gearbeitet hat. Mein Ausbilder stand immer hinter mir, hat mich gefördert und genauso auch offen gesagt, wenn etwas nicht gut lief. Dadurch konnte ich mich gut selbst einschätzen und wusste wo meine Stärken und Schwächen liegen. In der Berufsschule war es anfangs ungewohnt, da ich das einzige Mädchen aus drei Klassen war, aber ich hatte auch ein paar tolle Lehrer, die ich jederzeit mit meinen Fragen nerven konnte (und davon hatte ich viele 😉 ). 

F: Das klingt nach einem tollen Ausbildungsbetrieb. Welche Weiterbildungen haben Sie anschließend absolviert? 

A: Im Jahr 2011 habe ich die Weiterbildung zur Kraftfahrzeugtechnikermeisterin im Schwerpunkt Diagnosetechnik gemacht. 

F: Wenn Sie nochmal jünger wären, würden Sie denselben Weg erneut gehen? Bitte begründen Sie Ihre Antwort kurz. 

A: Das ist eine gute Frage, da ich auch ein sehr kreativer Mensch bin würde ich eventuell eine Ausbildung oder ein Studium in diese Richtung machen. Am Ende denke ich aber die Handwerkerin ist einfach in mir drin und es würde eine Kombination aus beidem werden. 

F: Sie sind nun selbst Ausbilder, was möchten Sie Ihren Azubis mitgeben? 

A: Ich versuche den Auszubildenden immer mit zu geben, dass man alles irgendwie schaffen kann. Man muss das ein oder andere Mal über seinen Schatten springen, sich etwas trauen oder auch einfach auf sein Bauchgefühl hören. Ein Satz, den glaube ich jeder Ausbilder sagt ist „es gibt keine dummen Fragen“, also fragt was das Zeug hält! 

Wichtig ist einfach das für sich bestmögliche aus der Ausbildung zu machen, denn am Ende zählt, was man geschafft hat und das kann einem Keiner nehmen. Schaut euch viel bei „Altgesellen“ ab, denn aus ihrer Erfahrung kann man unheimlich viel lernen. 

F: Wie viele Auszubildende haben Sie bisher in etwas betreut? 

A: In der Werkstatt sind die Auszubildenden oft nicht über die komplette Ausbildungsdauer einem Gesellen zugeteilt, sondern wechseln, um möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Bisher habe ich denke ich fünf Auszubildende betreut. 

F: Nehmen Sie regelmäßig an Veranstaltungen aus Ihrer Branche teil? Wenn ja, welche insbesondere? 

A: An regelmäßigen Veranstaltungen nehme ich nicht Teil. 

F: Wie war es für Sie eine Ausbildung in einem männerdominierten Beruf zu absolvieren? 

A: Da ich schon als jugendliche immer mehr mit den Jungs unterwegs war, hat es mich nicht gestört nur mit Männern zu arbeiten. Zu sagen, die Ausbildung in einem männerdominierten Beruf war leicht, wäre aber gelogen. Als ich 2005 meine Ausbildung gemacht habe, war es einfach nicht an der Tagesordnung, dass ein Mädchen in der Werkstatt steht. Die Frage „und du reparierst da dann Autos?“ kam nicht selten vor. Man musste sich als Mädchen den Respekt der Jungs schon erarbeiten (besonders in der Berufsschule) aber in der kompletten Ausbildungszeit gab es keinen Moment, an dem ich gezweifelt habe ob es die richtige Entscheidung war. Wer körperliche Arbeit nicht gewohnt ist kommt vielleicht schnell an seine Grenzen, aber auch daran gewöhnt man sich. 

F: Wie sind Ihre Ausbilder damit umgegangen? 

A: Wie oben schon erwähnt hatte ich tolle Ausbilder, die jederzeit hinter mir standen. 

F: Welche Probleme oder Herausforderungen gab es in Ihrer Ausbildung und wie sind Sie und Ihre Ausbilder damit umgegangen? 

A: Probleme und Schwierigkeiten gab es eigentlich kaum, zumindest keine an die ich mich
erinnere. In manchen Situationen stand ich mir höchstens selbst im Weg, da ich sehr ehrgeizig und manchmal etwas zu perfektionistisch bin. 

F: Sie sind in einer Führungsposition tätig, fühlen Sie sich mit männlichen Kollegen gleichgestellt, oder würden Sie sagen, dass Sie Unterschiede bemerken? 

A: In keiner meiner bisherigen Positionen gab es für mich merkbare Unterschiede zwischen mir und meinen männlichen Kollegen. Anfangs war ich mir unsicher, ob es im Kundendienst schwieriger wird, da die meisten einfach keine Frau in dieser Position erwarten. Hier hat sich jedoch genau das Gegenteil gezeigt. Frauen fühlen sich oftmals wohler, wenn sie mit mir über ihre Probleme am Auto reden und nicht selten kommen Fragen mit dem Zusatz „bei einem Mann hätte ich mich nicht getraut zu fragen, aber…“. Manche männlichen Kunden mögen es zudem sich auch mal mit einer Frau über ihr Auto zu unterhalten. Es kommt einfach auf die fachlichen Kompetenzen an und nicht auf das Geschlecht. 

F: Gibt es Tätigkeiten innerhalb Ihres Berufes, die Ihnen, auf Grund Ihres Geschlechtes, schwerfallen und bei denen, aus Ihrer Sicht, Männer einen Vorteil haben? 

A: Da es sich um einen körperlich anstrengenden Beruf handelt denke ich es gibt mit Sicherheit Situationen in denen ein großer kräftiger Mann Vorteile hat. So ein Getriebe hebt sich eben nicht von alleine hoch. Auch hier gibt es jedoch für alles Hilfsmittel und unter Kollegen helfen wir uns immer gegenseitig. Dafür hat man ja als Frau mit kleineren Händen auch Vorteile und schon das ein oder andere Mal habe ich im Motorraum Stellen erreicht, an die die „großen Männerhände“ vielleicht nicht gekommen wären. Am Ende zählt die Teamarbeit. 

F: Kennen Sie weitere Frauen in Ihrem Beruf? 

A: Leider kenne ich keine weiteren Frauen in meinem Beruf, jedoch würde ich sehr gerne einmal an einem Treffen mit Frauen aus meiner Branche teilnehmen. 

Vielen lieben Dank Frau Röder für Ihre Zeit sowie die tollen und offenen Antworten. 

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